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„Wisst ihr, wie das wird?“

Gruß des Musiktage-Intendanten Anselm Cybinski

Liebe Freundinnen und Freunde unserer Musiktage, verehrte Damen und Herren,

„unglaubliche Ironie der Geschichte: Im Jubiläumsjahr des ertaubten Ludwig van Beethoven verstummt die Musikwelt...“ Das postete ein Facebook-Freund aus Köln vor wenigen Tagen in seinem News Feed. In den Kommentaren wurde sofort Widerspruch laut. Das Gegenteil treffe doch zu, war da zu lesen: In Wahrheit sei sie doch alles andere als verstummt, die Musikwelt. Vielmehr zeigten ihre Akteure gerade jetzt, mit welchem Engagement und kreativen Einsatz man für ihr Überleben sorgen wolle. Das entspricht auch unserer Wahrnehmung hier im Team der Niedersächsischen Sparkassenstiftung, wo gemeinsam mit den Sparkassen im Lande die Vorbereitungen zu den Niedersächsischen Musiktagen 2020 unverdrossen andauern – dazu später mehr.  

Im Netz entstehen in diesen Tagen viele ganz wunderbare Ideen. Jazzmusiker swingen wie elektrisiert von luftigen Balkonen herab, Sopranistinnen treffen sich zu empfindsamen Duetten vor dem Bildschirm, und der Pianist Igor Levit gibt jeden Abend um 19 Uhr in seinem Berliner Wohnzimmer ein Hauskonzert, das bei Twitter von Tausenden gesehen, gehört und diskutiert wird. Manche Onlinebeiträge verraten ein Maß an Talent, schalkhaftem Humor und pragmatischer Can-do-Mentalität, dass man aus dem Staunen kaum herauskommt. Haben Sie zufällig den irischen Barockmusiker Peter Whelan gesehen? Der asketisch aussehende Mittvierziger, der in der Arie „Seid wachsam, ihr heiligen Wächter“ aus Bachs Kantate Nr. 149 per Zoom-App ein ergreifend ausdrucksstarkes kleines Konzert herbeizaubert? Ganz allein – sozial wirklich vorbildlich distanziert – singt er beide Gesangspartien, spielt zwei Fagottstimmen und dazu noch den Orgelpart und vereint all dies, selbstironisch lächelnd, zum harmonischen Miteinander.   

Not macht erfinderisch, heißt es gemeinhin. Und die Nöte und Existenzängste der freien Musikerinnen und Musiker sind in der Tat immens. Aber auch weltberühmte Exzellenzensembles spüren die Bedrohung. Es geht da wirklich um den Erhalt einer Vielfalt und Qualität, die nicht nur das Kulturleben in unserem Land, sondern auch ein gutes Stück Lebensqualität ausmachen. Unterdessen sind gerade die großen, öffentlich stark geförderten Institutionen, die die repräsentativen Opern- und Konzerthäuser bespielen, völlig unsicher, wie sie ihren Betrieb wieder aufnehmen können, sollten größere Menschenansammlungen, wie vielfach prognostiziert, längerfristig ein Problem darstellen. Seit Wochen tausche ich mich intensiv mit Partnern, Verbündeten und Mitbewerbern in der Branche aus, denn das Spezifikum der momentanen Situation liegt ja darin, dass sie alle betrifft. Es ist schön zu erleben, dass die Menschen wirklich ein bisschen zusammenrücken in einer solchen Situation. Egal ob Veranstalter, KünstlerInnen oder Agenturen: Alle sind sich einig, dass das Bedürfnis nach körperlicher, nach haptischer Nähe zur Kunst gerade in diesen Tagen stärker denn je ist und dass wir alle zur Stelle sein wollen, wenn dieser Hunger dereinst wieder gestillt werden kann. Die sichtbare Interaktion auf der Bühne, das seidige Leuchten reiner Chorstimmen in einem lichten Kirchenraum, das intensive Schwingen einer Geigensaite, das dumpfe Grollen einer tiefen Trommel oder das strahlende Forte eines satten Orchesterakkords in Es-Dur: Wir alle wollen dies schnellstmöglich wieder live und aus der Nähe erleben, wir wollen es auf der Haut spüren und mit unserem Körper, und wir wollen, wir sollten dieses Erlebnis mit anderen teilen! 

Der Gedanke eines solchen Miteinanders hat uns bei der Planung der Niedersächsischen Musiktage des Jahres 2020 geleitet, die wir unter das Thema „Rituale“ stellen wollen. Was Rituale heute bedeuten können, darüber haben auch wir vor einigen Wochen noch etwas anders gedacht. Innerhalb kürzester Zeit sind, im Kleinen wie im Größeren, neue Rituale entstanden, alte wiederbelebt worden – wann wurde zuletzt soviel Tagesschau gesehen? –, während andere, wie die Gottesdienste zu Ostern, plötzlich ein Ding der Unmöglichkeit sind.  

Dass das Thema „Rituale“ als solches, über das schon vor knapp zwei Jahren entschieden wurde, an Relevanz und Aktualität unterdessen nicht verloren hat, dürfte auf der Hand liegen: Rituale gestalten und überformen existenzielle Übergänge und tiefreifende Veränderungen. Sie sorgen für Stabilität in unsicheren Phasen. Und sie schaffen Übereinkünfte und Kommunikationsmöglichkeiten in Zeiten, die sich oft mehr am Ausleben individueller Bedürfnisse, an Authentizität und Spontaneität zu orientieren schienen, denn an der Schaffung guter Voraussetzungen für ein gelingendes Miteinander. In unseren Konzerten und Veranstaltungen wollen wir fragen, auf welche Weise zeremonielle Praktiken und stilisierte Formen im Laufe der Jahrhunderte die musikalische Kreativität befördert haben. Es ist unser Wunsch, die Spiritualität seltener gehörter geistlicher Musik erlebbar zu machen und auch einige sehr spannende neu geschaffene Rituale vorzuführen. In den Wochen zwischen 29. August und 4. Oktober werden wir wieder viele außergewöhnliche Künstlerinnen und Künstler bei uns empfangen, einmal mehr wollen wir das ganze Bundesland durchqueren und in überaus attraktiven Spielstätten Station machen. Vor allem aber, und jetzt mehr denn je, ist es unser Bedürfnis, so viel wie möglich mit Ihnen, liebe Besucherinnen und Besucher, im Austausch sein und auch Ihnen untereinander den Austausch zu ermöglichen.     

„Wisst Ihr, wie das wird?“ Die ominöse Nornenfrage aus Wagners „Götterdämmerung“, die können wir natürlich nicht beantworten. Auch wir „fahren auf Sicht“. So lange planen wir konzentriert weiter. Natürlich gibt es einen Zeithorizont, wann welche Entscheidungen getroffen werden müssen. Doch der relativ späte Festivalzeitraum mag ein Vorteil sein. Am Ende aber läuft all das allenfalls auf den alten Scherz hinaus: Wir kennen die Zukunft nicht, dies allerdings auf einem möglichst hohen Niveau.   

Einstweilen ist es ja vielleicht viel wichtiger zu wissen, um was es uns allen geht. Bleiben Sie gesund! Wir werden Sie weiter auf dem Laufenden halten. Und falls Sie doch Lust haben, das Netz auf der Suche nach guter Musik zu durchstreifen, dann haben wir hier ein paar Empfehlungen, denen wir im lockeren Rhythmus gerne weitere folgen lassen werden. 

Mit sehr herzlichen (Oster-)Grüßen Ihres


Anselm Cybinski
Intendant der Niedersächsischen Musiktage

Foto Anselm Cybinski © Helge Krückeberg




Foto: Screenshot NDR-Aktion Kultur trotz Corona

Kulturtipps für zu Hause

Damit Ihnen die Zeit ohne Konzerte, Opern- oder Theatervorstellungen nicht zu lange wird, haben wir hier ein paar Tipps zusammengestellt:

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